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OECD-BildungsberichtSo auch im 612-seitigen Bericht "Bildung auf einen Blick 2011", den die OECD am 13. September vorgestellt hat. "Deutschlands Beitrag zum weltweiten Pool an Talenten schrumpft rapide", lautet die Überschrift der "Länderstudie Deutschland" der OECD. "In Deutschland lohnt sich Bildung ganz besonders", jubilieren BMBF und KMK in ihrer gemeinsamen Pressemitteilung. "Zu wenig Akademiker, zu geringe Bildungsausgaben: Die Mängelliste des deutschen Bildungssystems in der OECD-Studie 'Bildung auf einen Blick' ist lang", stellt hingegen das Nachrichtenmagazin Focus resigniert fest.
Die GEW hat den neuen OECD-Bericht ausgewertet – im Folgenden informieren wir über die wichtigsten Ergebnisse für das tertiäre Bildungssystem (Hochschulen).
Bildungsausgaben in Deutschland rückläufig
Erneut bescheinigt die OECD Deutschland, im Verhältnis zur gesamten Wirtschaftsleistung des Landes (Bruttoinlandsprodukt) nur unterdurchschnittlich viel Geld für die Bildung auszugeben (öffentliche und private Ausgaben für Bildungsinvestitionen). Die OECD weist für 2008 einen Wert von 4,8 Prozent aus, im Durchschnitt aller OECD-Mitgliedsstaaten sind es 5,7 Prozent. Nach Berechnungen der GEW hätte die Bundesrepublik 2008 gut 22,5 Milliarden Euro mehr für die Bildung aufwenden müssen, um den Durchschnittswert zu erreichen. Besonders dramatisch: Die Ausgaben sind überdies rückläufig! Während im OECD-Durchschnitt der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt von 2000 bis 2008 von 5,5 auf 5,7 Prozent gestiegen ist, ist er in Deutschland im gleichen Zeitraum von 4,9 auf 4,8 Prozent gesunken. Betrachtet man die Ausgaben für den Tertiärbereich (im wesentlichen die Hochschulen), dann liegt Deutschland mit 1,2 Prozent des Bruttoinlandprodukts ebenfalls deutlich unter dem OECD-Durchschnittswert. Deutschland hätte 2008 knapp 9 Milliarden Euro zusätzlich für die Hochschulen ausgeben müssen, um wenigstens den OECD-Durchschnitt zu erreichen.
Zu wenig Hochschulabsolvent/innen und Studienanfänger/innen
26 Prozent der Bevölkerung zwischen 25 und 64 Jahren verfügen in Deutschland über einen Abschluss des tertiären Bildungssystems (in der Regel Hochschulabschluss) – OECD-weit sind es aber im Durchschnitt 30 Prozent der Bevölkerung. Kanada, Israel, Japan, die USA und Neuseeland weisen sogar Werte über 40 Prozent auf. Alarmierend ist, dass sich in Deutschland trotz des deutlichen Rückstands keine Dynamik feststellen lässt. Bei den 55- bis 64-Jährigen hat Deutschland zwar einen Akademikeranteil von 25 Prozent und liegt damit sogar noch über dem OECD-Durchschnitt von 22 Prozent. Bei der jüngeren Generation haben aber die meisten OECD-Länder Deutschland längst überholt. Bei den 35- bis 44-Jährigen haben in Deutschland 28 Prozent einen Hochschulabschluss gegenüber 32 Prozent im OECD-Durchschnitt, bei den 25- bis 34-Jährigen 26 Prozent gegenüber 37 Prozent im OECD-Durchschnitt. Von 1997 bis 2009 ist der Akademikeranteil in Deutschland bei den 25- bis 64-Jährigen damit jährlich um lediglich 1,4 Prozent gestiegen – im OECD-Durchschnitt dagegen um 3,7 Prozent!
Die Studienanfängerquote ist in Deutschland zwar von 25,8 Prozent eines Altersjahrgangs (1995) auf 39,7 Prozent (2009) gestiegen. Gleichwohl liegt dieser Anstieg um 13,9 Prozentpunkte erheblich unter dem Durchschnitt: Im Durchschnitt aller OECD-Länder ist die Studienanfängerquote im gleichen Zeitraum von 37,4 Prozent (1995) auf 59,3 Prozent angewachsen – das ist ein Anstieg um sage und schreibe 21,8 Prozentpunkte.
GEW fordert deutlich größere Anstrengungen
Die Bildungsgewerkschaft GEW hält deutlich größere politische Anstrengungen für notwendig, um das Ziel eines gerechten und leistungsfähigen Bildungswesens zu erreichen. Der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne erklärte am 13. September 2011 in Frankfurt am Main: "PISA-Schock und Reformdebatte zum Trotz: Deutschland liegt in vielen Bereichen der Bildung auf einem der hinteren Plätze. Kernursachen sind die chronische Unterfinanzierung des Bildungswesens und ein System, das mehr Menschen aussortiert als integriert. Die Bildungsausgaben liegen im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) weiterhin deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. Die politische Zielmarke von sieben Prozent im Jahr 2015 – Stichwort 'Bildungsrepublik' – wird weiter verfehlt."
Auch die soziale Öffnung der Hochschulen komme nicht voran, die finanzielle Ausstattung sei mangelhaft und es gebe zu wenig Studienplätze, kritisierte der GEW-Vorsitzende. "Ein Studium ist nicht attraktiv, weil die Zugangshürden hoch sind und die soziale Absicherung schlecht ist", sagte Thöne. Deutschland habe OECD-weit den geringsten Zuwachs an Hochschulabsolventinnen. "Schlechte Studienbedingungen, mangelnde Beratung und die finanzielle Lage der Studierenden führen zu einer hohen Abbrecherquote", betonte er.
Rückenwind für Templiner Manifest
Die alarmierenden OECD-Zahlen sind auch neuer Rückenwind für die GEW-Initiative Templiner Manifest. "Die wachsenden Anforderungen an Forschung, Lehre und Wissenschaftsmanagement sind auf Dauer nur durch einen bedarfs- und nachfragegerechten Ausbau von Hochschulen und Forschungseinrichtungen zu bewältigen", heißt es in Ziffer 9 des Templiner Manifests – aktueller denn je! Beim 1. Follow-up-Kongress zum Templiner Manifest im Januar 2011 in Berlin rechnete die Berliner Politikwissenschaftlerin Silke Gülker vor: Bis 2025 müssen an den Hochschulen bis zu 30.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eingestellt werden. Immer neue befristete Bund-Länder-Sonderprogramme mögen gut gemeint sein, wir brauchen aber jetzt einen nachhaltigen Ausbau der Hochschulen, der zugleich die Kontinuität und Qualität von Forschung und Lehre sichert. Oder: "Klasse für die Masse!" – so eine Forderung aus den "Weißenhäuser Eckpunkten", die derzeit auf der GEW-Internetseite online diskutiert werden.
Templiner Manifest-Tournee wird fortgesetzt
Apropos Templiner Manifest – die zehn Eckpunkte für einen "Traumjob Wissenschaft" können ab sofort wieder vor Ort diskutiert werden: am 16.09.2011 in Heidelberg bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Religionswissenschaft, am 19.09.2011 im Rahmen eines Forums beim Anglistentag, am 24.10.2011 in Saarbrücken an der Universität des Saarlandes, am 10.11.2011 an der Universität Hamburg, am 24.11.2011 an der Technischen Universität Ilmenau. Weitere Termine sind in Vorbereitung.